
Ein Linux für Jedermann
Dezember 17, 2006Die Free Software Foundation (FSF), so berichtet Heise, warnt mit der Aktion „Bad Vista“ vor dem neuen MS-Betriebssystem. Und versäumt es auch nicht, auf freie Software als Alternative hinzuweisen. Wenig originell soll das natürlich erstmal ein Linux sein.
The campaign will [...] provide a user-friendly gateway to the adoption of free software operating systems like gNewSense. (Quelle)
So. Da muß man ja direkt mal gucken. Bei gNewSense kann man sich offenbar eine „eigene“ GNU/Linux-Distribution zusammenstellen und veröffentlichen. Das ist fein. Wir bedauernswerten Benutzer von MS-Betriebssystemen verfügen natürlich ausnahmslos über die Fähigkeit, Linux nicht nur selber zu installieren und zu konfigurieren, sondern auch über das nötige Wissen, um aus gefühlt etwa 1,5 Mrd. Softwarepaketen die sinnvollen auszusuchen. Gleichzeitig sind wir aber so verwöhnt, dass wir das eigentlich lieber von Dir, liebe FSF, erledigt hätten. Danke schön schonmal.
Damit Du, liebe FSF, nun nicht ganz dumm davorstehst, verrate ich Dir jetzt schonmal, was ich gerne von Dir hätte. Also:
- Eine Hardwareerkennung, die hübsch still im Hintergrund ihre Arbeit erledigt und mich nicht mit Entscheidungen konfrontiert, die ich nur treffen kann, wenn ich vorher stundenlang im Internet recherchiere. Also falls ich die meist englischsprachigen Seiten mit Fachkauderwelsch überhaupt verstehe. Und ich sags Dir lieber gleich: Partitionen? Mountpoint? Kenn ich nicht, kann ich nicht, will ich nix von wissen.
- Eine Hardwareunterstützung, die nicht so völlig unwesentliche Funktionen wie den Energiesparmodus bei Notebooks auslässt, wäre auch toll.
- Eine Benutzerverwaltung, die nicht erforderlich macht, das ich erst einen Abschluss in fortgeschrittene Betriebssystemtechnologie mache. Sondern die von sich aus eine Grundkonfiguration liefert, mit der ich sofort losarbeiten kann.
- Eine grafische Benutzeroberfläche, die ich mir nicht selber aussuchen muss und die sich schlank und per Maus sinnvoll und stressfrei bedienen läßt. Was ich übrigens möglichst wenig tun möchte, also die Benutzeroberfläche bedienen. Mit meinem Auto fahre ich ja auch rum und schau mir nicht immer nur den Motorraum an. Und nein, ich möchte nicht irgendwelche Befehle mit „su“ im Terminal eingeben, wenn ich mal Administrationsrechte benötige. Und wo wir grad dabei sind: Ich möchte das Terminal nichtmal finden müssen, möchte nicht wissen müssen, wer oder was „su“ ist und möchte meinen Admin-Account nicht root nennen oder genannt sehen. Da kannst Du das Übel gleich mal bei der Wurzel ausreißen, haha. Und was ist überhaupt ein Terminal?
- Und dann, wo Du, liebe FSF, schon dabei bist, hätte ich gerne ein schlankestes (sic!) Programmverzeichnis, mit einer hübschen Vorauswahl an nett vorkonfigurierter Software. Du wirst es kaum glauben können, aber ich möchte nicht zwischen allen 25 Office-Paketen wählen können – mir reicht das eine, das jetzt alle benutzen. Ich schaue nämlich auch nicht immer aufs Typenschild meines Autos, ich fahre es nur. Es ist nicht meine Leidenschaft, aus allen 70 Browsern einen auszusuchen – nimm einfach Firefox, der ist mir gut genug. Es ist gar nicht nötig, mir alle 135 Email-Clients anzubieten – Thunderbird erfüllt meine Ansprüche völlig. Ich mag auch gern einen – EINEN! – handlichen Editor haben, da darfst Du mir einen aussuchen. EINEN Instant Messanger, EIN Datenkompressionsprogramm, EINEN multimedialen Dudler, die gebräuchlichen Plugins für den Browser und die notwendigsten Werkzeuge … Dann komm ich schon zurecht. Und es ist zwar lieb, aber mein Leben ist zu kurz, um alle 1073 Spiele auszuprobieren – such mir doch einfach fünf nette, kleine aus. Eines Tages dann, wenn ich etwas mehr Zeit mit meinem Linux verbracht habe und meine Ansprüche steigen, dann installier ich mir schon das, was ich außerdem noch zu brauchen glaube. Aber erstmal reicht mir das, glaub mir.
- Hübsche Assistenten für die Konfiguration wären toll, ich weiß nämlich gar nicht so genau, was POP und SMTP und öffentliche und private Schlüssel sind. Trotzdem würde ich gern Email verschicken, vllt über Web.de und/oder GMX und/oder Googlemail – vielleicht könntestDu, liebe FSF, dem Assistenten das schonmal andeuten.
- Ganz toll finde ich die suuuper Dokumentation von Linux, aber ehrlich gesagt finde ich Manpages ziemlich unbenutzbar, und mit ungefähr 50.000 Seiten englischsprachiger Fachliteratur bin ich auch überfordert. Einigen wir uns darauf, dass wir nur deutschsprachige Dokumentation installieren, die im letzten Jahr aktualisiert wurde? Ungefähr auf dem Niveau der Computerbild. Und keine Manpages, echt nicht. Bitte.
- Computer, liebe FSF, sind komplizierte kleine Dinger, das weiss ich wohl. Und weil ich auch künfig lieber damit
rumfahrenarbeiten möchte, statt im Konfigurationstool heiteres Funktionen-raten zu spielen, suchst Du mir doch bitte noch ein geeignetes Backup-Programm raus, das a) Images von der Grundinstallation erstellt und b) meine Daten sichert und wieder herstellt. - Sodann, liebe FSF, bring doch bitte noch einen der lokalen PC-Anbieter dazu, diese meine Distribution gleich auf leiser, kompakter, nicht überteuerter Hardware anzubieten. Vorinstalliert, ja? Ein Mini-PC vielleicht, Notebooks sind mir zu unergonomisch.
- Das ganze noch virtualisiert, damit ich im Falle eines Defektes einfach nur ein neues Image einhängen muss – und damit im Hintergrund ein zweiter virtueller PC laufen kann, der mir Firewall und Virenscanner und vllt noch Router ist. Dann, liebes FSF, werden wir auch Freunde.
So weit kommts noch, das ich mir zusätzlich zu den gefühlten 5 Mrd schon existierenden Distributionen noch eine weitere mache, die genau so uneinheitlich in der Bedienung, genau so überfrachtet mit hochspeziellen Funktionen und genau so übermäßig kompliziert ist. SO schlecht kann Vista gar nicht sein. Und falls doch bleibt ja noch Mac OS.